Käfig der Liebe

Kennt ihr nicht auch das Verlangen nach einem einzigen normalen Tag? Ein Tag an dem ich ruhig ohne Ohrstöpsel neben der Liebe meines Lebens aufwachen kann, ohne mich innerlich bereit machen zu müssen, auf all die Geräusche die gleich passieren, wenn ich die Ohrstöpsel rausnehme. Mit ihm zu schmusen ohne das Blitze über meinen Körper jagen, wenn er mich berührt. Ohne jeglichen Warnvorstellungen eines Geräusches beim Sex. Ohne den Zwiespalt der Gefühle: vollkommene Liebe & Vertrauen und monströser Hass & Abneigung. Oft ertappen ich mich bei der Frage: Wieso?

Ich habe mich seit Anfang an mit dem Thema beschäftigt. Am Anfang, mit 14 Jahren, wusste ich nicht was mit mir los war. Ich dachte, dass die Pubertät so wäre & diese Mischung an Gefühlen mit der Entwicklung vorbei gehen würden. Es fing klassisch mit meinem Vater am Tisch an. Seine Geräusche und Mundbewegung fing ich an zu hassen und ich kapselte mich über Jahre im Wohnzimmer ab, um zu essen, obwohl meine Familie immer zusammen speiste. Danach habe ich immer Krampfanfälle gehabt, Nervenzusammenbrüche, ich schlug mit dem Bein aus, um was Anderes zu fühlen, ich sagte vulgäre Aussagen gegen meinen Vater und hatte viel Streit deswegen.

Ich verstand nicht, warum nur mir es so ging. Keiner empfand es als etwas Schlimmes mit meinem Dad am Tisch zu essen. Als es dann auf andere Menschen “schwappte”, verwandelte sich das Problem meines Vaters, zu meinem eigene Kampf. Psychologen konnten mir nicht helfen und schickten mich immer weiter. Keiner hatte so etwas jemals gehört. Wie kann das sein? Es gibt so viele extreme psychologische Probleme und meins ist nicht bekannt.

Meine Mutter versuchte mir durch viel Gespräch zu helfen. Mit den Jahren wurde ihr klar, dass es doch was Ernsteres ist. Wir fanden keine Lösung.

Im Sommer 2015 war ich zu Besuch bei der Familie meines Ex- Freundes. Während einer leckeren Verköstigung, die ich aufgrund der Mundgeräusche des Vaters über mich ergehen lassen musste, bekam ich einen extremen Krampfanfall mit Nervenzusammenbruch, wonach ich einen Tag komplett ausgeknockt war. Mein Ex war mit seinem Latein am Ende und ich auch. Ich wollte Respekt erweisen und am Tisch sitzen bleiben, ohne alle 5 min auf die Toilette zu rennen, um mich zu beruhigen. Es war mir so peinlich, dass ich danach stundenlang auf der Suche meines Problems war. Plötzlich fand ich in einem Forum das Wort: Misofonia.

Ich lass tagelang die Posts und weinte dabei. Endlich! Was eine Erleichterung; ich bin doch kein unbekanntes Monster. Es gibt Menschen die es verstehen und nachvollziehen können. Dieses Gefühl kennt ihr wahrscheinlich alle, oder?

Seit dem befasse ich mich intensiv mit dem Thema. Ich selber arbeite als Physiotherapeutin in einem Krankenhaus mit komplexen Schmerzpatienten. Die komplexen Veränderungen des Gehirn und neuronalen Verknüpfungen haben mich fasziniert. Ich habe mir das Ziel gesetzt, aus meiner Arbeit und Leidenschaft, so viel zu lernen, dass ich mein eigenes Monster besiegen kann. Wenn Nozizeptoren, egal wo, in 2-3 Tagen aufgebaut oder abgebaut werden können, kann ich dann veränderten Rezeptoren der Sinneswahrnehmungen auch verändern?

Ich möchte diesen Hass und die Abneigung nicht mehr spüren, sondern all die Liebe die ich in mir habe mit meiner Familie und Freunden teilen können. Ich möchte mich nicht stundenlang abkapseln müssen, um danach einen halbwegs entspannten Abend mit Freunden geniessen zu können.

Ich habe Hoffnung. Und ihr?

 

 

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